Sommer, Sonne, Strand und ich liege hier am Meer und genieße das Rauschen der Wellen.
Okay, ich gebe zu, so ganz hat das nicht geklappt. Hier weht keine kühle Meeresbrise, die den Sonnenschein, der vom Himmel knallt, erträglich macht und von Meer geschweige denn Strand kann schon mal gar nicht die Rede sein. Um es kurz zu machen, ich habe meinen Balkon diesen Sommer in einen kleinen Urwald verwandelt und suche Schutz hinter meinen Pflanzen sowie unter einer dicken Schicht Sonnencreme - schließlich will ich braun werden und nicht rot.
Patrick ist seit einer Woche nicht mehr da gewesen und mir ist langweilig. Also stelle ich mir vor, dass Patricks Eltern, die ihm unerklärlicherweise immer noch den Urlaub bezahlen, mich gefragt hätten, ob ich Malina, als ihre zukünftige Schwiegertochter, nicht mit in den Urlaub möchte.
Es tut mir leid, ich muss schon wieder korrigieren, Patrick, bzw. Pat wie ich ihn nenne, und meine Wenigkeit sind seit Kindesbeinen an durch dick und dünn und wieder zurück gegangen. Zusammen sind wir nicht, wir hängen da irgendwo zwischen dem Status Geschwister, beste Freunde und mögliche große Liebe fest. Keiner von uns beiden traut sich, da was dran zu ändern. Also träume ich derzeit nur davon Patrick vielleicht zu fragen oder zu hoffen, dass er bald mal den Anfang macht.
Eventuell sind wir auch zusammen und wissen es nur schlicht nicht. Wer weiß das schon.
Fest steht, dass mir hoffnungslos langweilig ist, wenn ich nicht mit Pat durch die Stadt ziehen kann, Chaos im Schwimmbad verbreite oder mit ihm durch die Wälder streiche. Von den gemütlichen Abenden an denen wir einfach nur quatschen mal abgesehen. Es hat durchaus etwas eine Art Bruder zu haben, den man Daten kann, ohne Angst, dass sich da etwas anbahnt. Einfach gemeinsam Spaß haben und die Nähe des anderen genießen können. Toll so was.
Und da es noch eine ganze elendig lange Woche dauert bis meine andere Hälfte wieder kommt, habe ich mir etwas ausgedacht. Pat erzählt mir nach den Urlauben stundenlang was er gemacht hat, wo er überall gewesen ist und wieso denn nun gerade diese eine Muschel am Strand ihn so fasziniert hat, dass er sich beinahe von der Flut hätte ins Meer ziehen lassen.
Tja und heute ist also mein Tag am Meer, ich hab mich ganz früh hinaus geschlichen auf den Balkon als es noch so ziemlich kalt und vom Sommer hier nichts zu merken war. Eingekuschelt in viele Decken, einen warmen Kakao aus der Thermoskanne und ein schönes Buch, habe ich mich dort in meinem kleinen Urwald eingerichtet und bin über der Warterei auf meinen Sonnenaufgang eingeschlafen. Wach geworden bin ich vom Zwitschern der Vögel, die sich in der Dachrinne des Hauses ihr Nest eingerichtet haben. Die Sonne war schon am Himmel damit beschäftigt ihre Wärme zu verteilen. Also habe ich flugs meine Sonnencreme rausgeholt, mich eingecremt und dann mit halbgeschlossenen Augen das Licht beobachtet, wie es von grau in ein feuriges Rot und schließlich in das strahlende Blau des klaren Tages überging.
So gegen elf ist es schon recht kuschelig in meinem kleinen Balkonurwald und mein Magen knurrt lauthals vehement herum, dass ich ihn doch bitte mit irgendwas Essbaren versorgen solle. Also klettere ich aus meinem gemütlichen Sessel in der Oase und schlage mich zur Küche durch. Das Chaos der letzten Tage ist gestern mein Opfer geworden, als ich einfach mal wieder Lust hatte, Abwasch zu machen und aufzuräumen. Somit habe ich jetzt freie Bahn mir einen blonden Engel zu machen, da ich im Sommer über ausreichend Vorräte an Vanilleeis und Orangensaft verfüge. Während ich an meinem Cocktail nippe, schmiere ich mir Brote mit Schokoladenaufstrich und schneide mir Bananen darauf. Das Ganze richte ich auf meinem Schwanentablett an und bugsiere es vorsichtig nach draußen auf den Tisch.
Nach diesem wundervollen Frühstück folge ich meinen Gedanken und Erinnerungen die Pat mir aus seinem Urlaub mitgebracht hat und begleite ihn auf der Dünenwanderung. In der Hand liegt der Engelsflügel den er mir geschenkt hat, eine Hälfte ich, die andere Hälfte der Muschel hat er behalten.
„Schau mal Malina, siehst Du dahinten die Düne? Dahinter liegt das Ferienhaus von mir und meinen Eltern!“ Pat ist schon wieder zehn Schritte vor mir und dreht sich um, sieht mich lachend an. „Na komm schon, meine Eltern warten auf uns…“
Grinsend, den Kopf über ihn schüttelnd, folge ich ihm. Wann gewöhne ich mich endlich daran, dass er mein bester Freund ist und wahrscheinlich auch immer bleiben wird.
Seine Mutter nickt mir zu. „Malina, ich dachte ihr kommt gar nicht mehr…“
„Malina,“ die kräftige Stimme von Pats Vater schallt durch das Haus und einen Moment danach fühle ich mich leicht gequetscht.
„Paps! Das ist meine Freundin.“, protestiert Pat und befreit mich grinsend aus den Armen seines Vaters, nur um mich sanft zu umarmen.
Das Klingeln an der Tür, reißt mich wieder aus meinen Tagträumen, meinem Tag am Meer. Etwas benommen stehe ich auf und gehe zur Tür, an welcher der Postbote ungeduldig wartet.
„Ein Päckchen für Sie, Frau….“
„Ja schon gut,“ Ich lasse den armen Kerl nicht ausreden, warum muss er mich auch gerade jetzt von meinem Tag am Meer ablenken. Genervt unterschreibe ich und knalle hinter mir die Tür zu. Erst als ich fast wieder auf dem Balkon bin, sehe ich mir den Absender genauer an. Mitten im Schritt halte ich an, setze das Paket behutsam auf den Boden, ehe ich es innerhalb von Sekunden auspacke. Pat hat es mir geschickt. Neben einem Sommerlesebuch, hat er wieder Muscheln gesucht, rohe Bernsteine abgewartet, Sand in Flaschen und andere kleine Dinge. Auch eine Karte liegt dabei.
Liebe Mal,
schade dass Du nicht hier bist, meine Eltern sind zwar klasse, aber mit Dir wäre es schöner. Wenn Du magst, dann fahren wir nächstes Jahr im Sommer zusammen weg. Ich hab Dir ein paar kleine Sachen gefunden damit Dir die Zeit nicht so lang wird, auch wenn ich mir das nur schwer vorstellen kann, bei Deinem Einfallsreichtum.
Wir sehen uns in einer Woche, ich freu mich drauf von Dir abgeholt zu werden, Wir kommen Samstag um zwei an. Tu bis dahin nichts, das ich nicht auch tun würde.
Grüße und viel Spaß
Pat
Ich lese die Karte einmal, dann noch mal und noch ein mal. Mein Freudenschrei verscheucht die ganzen Vögel in der Nähe meines Balkons. Mein Tag am Meer ist so gut wie gelaufen, aber das stört mich grade gar nicht. Pat hat mir ein Paket geschickt und hätte mich gern bei sich. Völlig berauscht von dem Gedanken, nehme ich die Box mit den Sachen mit nach draußen in meinen kleinen Urwald und tausche den Tag am Meer gegen einen Tag mit Pat.
Am Abend falle ich müde ins Bett und kann es kaum erwarten Pat am Samstag wieder zu sehen. Der Schlüsselanhänger mit dem kleinen Herz, den er mir zwischen die Kleinigkeiten gepackt hat, sagt mehr als tausend Worte mir erklären könnten.
Mit einem Lächeln und den Gedanken bei Pat schlafe ich ein.
30.08.2007
© Sean Dimitjana Barleben
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Donnerstag, August 30, 2007
Mittwoch, April 11, 2007
Gefallener Engel
Lenya saß nachdenklich auf dem Stuhl und musterte den Sonnenuntergang, nicht mehr lange und Maricus würde wieder zu ihr kommen, sie freute sich darauf. Der Tag war anstrengend gewesen und sie konnte fühlen, wie verspannt sie war. Zuviel bedrückte sie, zuviel beschäftigte ihren Geist und verhinderte, dass sie einfach abschalten und sich entspannen konnte. Die Probleme ihrer Kollegin mit deren Ehemann, die Verletzung von Ischnia, der Hündin ihrer Freundin und noch tausend andere Gedanken brandeten in ihrem müden Gemüt umher und raubten ihr jegliche Kraft. Sie hatte noch nicht einmal die Motivation aufzustehen, sich an den Schreibtisch zu setzen um sich all dies von der Seele zu schreiben, es danach zu sortieren und anschließend zu verbrennen, wenn sie ihre Gedanken geordnet hatte.
Die letzten Strahlen der Sonne waren kaum verblasst, als sie einen kühlen Hauch wahrnahm. Maricus war gekommen, wie jeden Abend, seit sie sich kannten. Er tauchte einfach auf und war da. Manchmal war Lenya sich nicht sicher, dass er real war. Doch zählte das nicht für sie, zumindest versuchte sie recht erfolgreich sich eben dieses einzureden. Viel mehr interessierte sie seine Fähigkeit ihre kreisenden Gedanken zur Ruhe zu bringen, das unerträgliche Chaos in ihrem Innern zu besänftigen und die lästigen Fragen des Lebens zumindest für eine gewisse Zeit beiseite zu schieben. Und nicht zu vergessen, sein unerhört begnadetes Talent für Massagen. Selbst, wenn er sie manchmal nur zehn Minuten massiert hatte, ging es ihr danach besser, als nach jeder Entspannungsübung.
So schloss sie nur die Augen und überließ sich den sanften und sehr fähigen Händen von Maricus. Den lästigen Gedanken, was Maricus ihr eigentlich bedeutete, wieder einmal beiseite schiebend. Es dauerte eine Weile, dann trieb Lenya in einem Meer aus Entspanntheit.
Dies wurde durch einen jähen Schmerz beendet, der durch ihren Körper tobte. Lenya fühlte Übelkeit aufsteigen, wollte noch etwas sagen, doch da wurde es schon schwarz um sie.
Entgegen aller Aussagen über Ohnmacht die sie kannte, fühlte sich alles sehr real an. Sie stürzte durch nicht enden wollende Schwärze ohne jegliches Körpergefühl. Nach Ewigkeiten veränderte sich etwas in der Dunkelheit, ihr Sturz endete und sie hörte das Tropfen von Wasser. Sie spürte ihren Körper, auch wenn es anders als sonst war. Sie schwebte über dem Wasser, als sie die Augen öffnete und hinuntersah. Langsam glitt ihr Blick an sich selbst hinab. Auch ihr Aussehen war verändert, sie wirkte zerbrechlich wie eine Elfe und nun da ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden war, spürte sie die zarten Flügel, welche sie mit unablässigen Bewegungen in der Luft hielten, an ihrem Rücken. Behutsam konzentrierte sie sich darauf tiefer zu sinken, so dass sie das Wasser genau berührte ohne darin einzutauchen. Sie atmete tief aus und ein.
Dann fühlte sie den Wassertropfen fallen, glitt mit ihm in das Wasser und begann das Leben darin zu erkunden. Sie fühlte eine neue und doch sehr vertraute Kraft durch sich strömen, die sich stetig mit ihrem Puls vereinigte und sie mit etwas anderem konfrontierte.
Schmerz.
Schmerz in unerträglichem Maß hatte sie hierher gebracht und ihr eine völlig fremde Welt eröffnet, in der sie zerbrechlich und ungeschützt war. Und nun nahm dieser Schmerz sie wieder fort von jenem Ort, der so viele Lockungen und Reize nach ihr auswarf, dass sie sich leer und nackt fühlte, als sie jäh in ihre eigene Welt zurückgeworfen wurde.
"Shht.", ruhige Wärme umstreichelte ihren schmerzenden Körper. Sie wusste, dass es Maricus war, der an ihrer Seite über sie wachte und sie zurückgeholt hatte.
"Ganz ruhig, du musst schon weiteratmen Lenya.", meinte er leise. Sie fühlte seine Worte, mehr als sie diese hörte. Es wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass es die ganze Zeit so gewesen war. Maricus gluckste leise, als hätte er ihren Gedanken gehört. Wahrscheinlich hatte er das auch. Sofort setzte das Gedankenkarussell aus hätte, wenn, vielleicht, eventuell und möglicherweise wieder ein.
"Du denkst schon wieder zuviel nach.", neckte er sie und einen Moment danach kehrte wieder Ruhe in Lenyas Gedanken ein. Maricus beobachtete lächelnd wie sich das Gesicht der Frau entspannte und ihre Atemzüge regelmäßiger wurden, bis sie schließlich eingeschlafen war. Es würde eine lange Nacht, mit unglaublich vielen Fragen werden, sobald sie wieder erwachte. Er lachte leise. Oh ja, Lenya würde ihm ganze Enzyklopädien in den Bauch fragen, keine einzelnen Löcher, wie bei seinen bisherigen Besuchen. Und, wenn er ehrlich war, dann wusste er noch nicht, wie er ihr all diese Fragen beantworten sollte. Schließlich war auch er nicht allwissend. Selbst mit seinen nun annähernd fünfhundert Jahren. Die Welt war auch für ihn noch ein Mysterium. Selbst wenn er verhältnismäßig mehr davon verstand als die Menschen, welche nur so kurz unter den Untoten weilten, von Ausnahmen abgesehen.
~*~
Kopfschmerzen waren das erste, das ihr erwachtes Bewusstsein erreichte. Mühsam blinzelnd schlug sie die Augen auf. Statt ekeliger Helligkeit, wurde sie von mildem Dämmerlicht begrüßt. Und nur einen Moment danach fühlte sie Maricus Präsenz, welcher sie sanft anlächelte.
"Du lernst wirklich schnell.", seine Stimme klang amüsiert und erfreut.
Lenya wollte etwas sagen, doch Maricus schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. Sie spürte, dass sie sprach, konnte aber ihre eigene Stimme nicht hören. Was sollte das?!? Verärgert setzte sie sich auf und nur einen Augenblick danach stand sie neben Maricus, welcher sich im dunklen Flur aufhielt.
"SOLL DAS?", ihre Stimme kehrte so jäh zurück, dass Lenya erschrocken zusammenzuckte und sich an die Wand lehnte, während ihr Herzschlag sich beruhigte.
"Ich sagte doch, Du lernst schnell.", dieses Mal schwang leichter Tadel in seiner Stimme mit. Wieder unterbrach er ihre Gedanken und antwortete ihr laut. "Ich habe Dir einen Gefallen getan und dafür schuldest Du mir etwas, nicht jetzt. Irgendwann, sofern Du Dich entschließt mich zu begleiten. Aber Du wolltest Deine Existenz nicht aufgeben. Zwar kannst Du nicht weitermachen wie bisher, aber Du wirst sehen, auch mein Weg bietet vieles von dem bisher Gewohnten, vielleicht etwas anders... Aber sieh es Dir doch erstmal an."
Lenya hatte keine Zeit sich Gedanken zu machen, was Maricus meinte, denn er zog sie einfach mit sich aus der Wohnung. Diese verschwamm und um die beiden materialisierte sich etwas Neues, Fremdes. Erstaunt blickte sie sich um und ließ sich dann einfach durch die Straßen der dunklen Stadt treiben. Obschon es keinerlei Licht zu geben schien, nahm Lenya doch alles wahr und konnte jedes Detail erfassen. Die Überflutung durch ihre verschärften Sinne, bescherte ihr eine Welle aus Übelkeit und sie hörte Maricus, der ihr spöttisch riet, es langsam angehen zu lassen. Sie beherzigte seinen Rat nachdem sie ihren Mageninhalt auf seine Schuhe ergossen hatte. Es war wirklich besser, wenn sie die Sinne Stück für Stück hochfuhr.
Maricus beobachtete seine Schülerin und... Partnerin. Vorausgesetzt, Lenya akzeptierte seine Wahl. Er lächelte, soviel das sie noch lernen musste. Soviel, das sich für ihn ändern würde, wenn sie blieb. Und...
Er stockte, irgendetwas stimmte nicht. Er fühlte Lenyas Präsenz nicht mehr. Lediglich das Gefühl eines ihrer Lächeln hing noch in der Luft, beinahe wehmütig, wie bei einem Abschied.
"Lenya?!?", rief er laut. Sämtliche Wesen erstarrten und wagten sich nicht zu rühren.
"LENYA?!?", noch mal hallte sein Ruf durch die lichte Nacht seiner Welt. Aber sie war und blieb verschwunden. "LENYA!!!!!"
Maricus stand ungläubig an der Stelle, an welcher er mit ihr seine Welt betreten hatte. Sie war fort und sie war für immer gegangen. Aber wie konnte das sein? Ihr Lebenswille war so unbändig gewesen, dass er ihr dieses Geschenk nicht hatte verwehren können und nun? Hätte er noch Tränen gehabt, dann wäre sein Gesicht feucht von ihnen gewesen. So starrte er nur ungläubig an die Stelle, an der sie zuletzt gewesen sein musste, während er langsam zu Boden sank. Das konnte nicht sein, er konnte sich nicht so getäuscht haben. Das war unmöglich. Absolut unmöglich.
~*~
Benommen kehrte er in ihre Wohnung zurück. Und sah sich dort um, alles roch noch nach ihr und selbst ihr Wesen war noch zu spüren. Ein wehmütiger, sehnsüchtiger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Das war nicht fair. Wieso?
In all der Zeit hatte er nie etwas gefordert und nun das. Maricus wollte nicht verstehen, wollte nichts mehr wahrnehmen. Er vergrub sich in seinen Erinnerungen.
~*~
"Maricus.", eine sanfte weibliche Stimme, neckend, ein wenig zu frech und selbstsicher, riss ihn aus seinen Gedanken. Aber sie war nur eine Erinnerung. Eben jene Erinnerung zog ihn an sich und zwang sein Gesicht auf Augenhöhe mit ihrem eigenen.
"Maricus.", sanft und streng, unnachgiebig und doch voller Trost. Nur langsam begriff er, dass sie wirklich vor ihm stand.
"Aber...", setzte er an.
"Hör auf zu denken, du grübelst viel zu viel...", ihr Spott war nicht zu überhören, aber es lag keinerlei Häme darin und es rang ihm ein mildes Lächeln ab. Sie lachte leise und schloss ihn in eine innige Umarmung, welche er erwiderte.
"Die Zukunft kann kommen, nicht wahr?"
"Ja, das kann sie."
11.04.2007
© Sean Dimitjana
Die letzten Strahlen der Sonne waren kaum verblasst, als sie einen kühlen Hauch wahrnahm. Maricus war gekommen, wie jeden Abend, seit sie sich kannten. Er tauchte einfach auf und war da. Manchmal war Lenya sich nicht sicher, dass er real war. Doch zählte das nicht für sie, zumindest versuchte sie recht erfolgreich sich eben dieses einzureden. Viel mehr interessierte sie seine Fähigkeit ihre kreisenden Gedanken zur Ruhe zu bringen, das unerträgliche Chaos in ihrem Innern zu besänftigen und die lästigen Fragen des Lebens zumindest für eine gewisse Zeit beiseite zu schieben. Und nicht zu vergessen, sein unerhört begnadetes Talent für Massagen. Selbst, wenn er sie manchmal nur zehn Minuten massiert hatte, ging es ihr danach besser, als nach jeder Entspannungsübung.
So schloss sie nur die Augen und überließ sich den sanften und sehr fähigen Händen von Maricus. Den lästigen Gedanken, was Maricus ihr eigentlich bedeutete, wieder einmal beiseite schiebend. Es dauerte eine Weile, dann trieb Lenya in einem Meer aus Entspanntheit.
Dies wurde durch einen jähen Schmerz beendet, der durch ihren Körper tobte. Lenya fühlte Übelkeit aufsteigen, wollte noch etwas sagen, doch da wurde es schon schwarz um sie.
Entgegen aller Aussagen über Ohnmacht die sie kannte, fühlte sich alles sehr real an. Sie stürzte durch nicht enden wollende Schwärze ohne jegliches Körpergefühl. Nach Ewigkeiten veränderte sich etwas in der Dunkelheit, ihr Sturz endete und sie hörte das Tropfen von Wasser. Sie spürte ihren Körper, auch wenn es anders als sonst war. Sie schwebte über dem Wasser, als sie die Augen öffnete und hinuntersah. Langsam glitt ihr Blick an sich selbst hinab. Auch ihr Aussehen war verändert, sie wirkte zerbrechlich wie eine Elfe und nun da ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden war, spürte sie die zarten Flügel, welche sie mit unablässigen Bewegungen in der Luft hielten, an ihrem Rücken. Behutsam konzentrierte sie sich darauf tiefer zu sinken, so dass sie das Wasser genau berührte ohne darin einzutauchen. Sie atmete tief aus und ein.
Dann fühlte sie den Wassertropfen fallen, glitt mit ihm in das Wasser und begann das Leben darin zu erkunden. Sie fühlte eine neue und doch sehr vertraute Kraft durch sich strömen, die sich stetig mit ihrem Puls vereinigte und sie mit etwas anderem konfrontierte.
Schmerz.
Schmerz in unerträglichem Maß hatte sie hierher gebracht und ihr eine völlig fremde Welt eröffnet, in der sie zerbrechlich und ungeschützt war. Und nun nahm dieser Schmerz sie wieder fort von jenem Ort, der so viele Lockungen und Reize nach ihr auswarf, dass sie sich leer und nackt fühlte, als sie jäh in ihre eigene Welt zurückgeworfen wurde.
"Shht.", ruhige Wärme umstreichelte ihren schmerzenden Körper. Sie wusste, dass es Maricus war, der an ihrer Seite über sie wachte und sie zurückgeholt hatte.
"Ganz ruhig, du musst schon weiteratmen Lenya.", meinte er leise. Sie fühlte seine Worte, mehr als sie diese hörte. Es wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass es die ganze Zeit so gewesen war. Maricus gluckste leise, als hätte er ihren Gedanken gehört. Wahrscheinlich hatte er das auch. Sofort setzte das Gedankenkarussell aus hätte, wenn, vielleicht, eventuell und möglicherweise wieder ein.
"Du denkst schon wieder zuviel nach.", neckte er sie und einen Moment danach kehrte wieder Ruhe in Lenyas Gedanken ein. Maricus beobachtete lächelnd wie sich das Gesicht der Frau entspannte und ihre Atemzüge regelmäßiger wurden, bis sie schließlich eingeschlafen war. Es würde eine lange Nacht, mit unglaublich vielen Fragen werden, sobald sie wieder erwachte. Er lachte leise. Oh ja, Lenya würde ihm ganze Enzyklopädien in den Bauch fragen, keine einzelnen Löcher, wie bei seinen bisherigen Besuchen. Und, wenn er ehrlich war, dann wusste er noch nicht, wie er ihr all diese Fragen beantworten sollte. Schließlich war auch er nicht allwissend. Selbst mit seinen nun annähernd fünfhundert Jahren. Die Welt war auch für ihn noch ein Mysterium. Selbst wenn er verhältnismäßig mehr davon verstand als die Menschen, welche nur so kurz unter den Untoten weilten, von Ausnahmen abgesehen.
~*~
Kopfschmerzen waren das erste, das ihr erwachtes Bewusstsein erreichte. Mühsam blinzelnd schlug sie die Augen auf. Statt ekeliger Helligkeit, wurde sie von mildem Dämmerlicht begrüßt. Und nur einen Moment danach fühlte sie Maricus Präsenz, welcher sie sanft anlächelte.
"Du lernst wirklich schnell.", seine Stimme klang amüsiert und erfreut.
Lenya wollte etwas sagen, doch Maricus schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. Sie spürte, dass sie sprach, konnte aber ihre eigene Stimme nicht hören. Was sollte das?!? Verärgert setzte sie sich auf und nur einen Augenblick danach stand sie neben Maricus, welcher sich im dunklen Flur aufhielt.
"SOLL DAS?", ihre Stimme kehrte so jäh zurück, dass Lenya erschrocken zusammenzuckte und sich an die Wand lehnte, während ihr Herzschlag sich beruhigte.
"Ich sagte doch, Du lernst schnell.", dieses Mal schwang leichter Tadel in seiner Stimme mit. Wieder unterbrach er ihre Gedanken und antwortete ihr laut. "Ich habe Dir einen Gefallen getan und dafür schuldest Du mir etwas, nicht jetzt. Irgendwann, sofern Du Dich entschließt mich zu begleiten. Aber Du wolltest Deine Existenz nicht aufgeben. Zwar kannst Du nicht weitermachen wie bisher, aber Du wirst sehen, auch mein Weg bietet vieles von dem bisher Gewohnten, vielleicht etwas anders... Aber sieh es Dir doch erstmal an."
Lenya hatte keine Zeit sich Gedanken zu machen, was Maricus meinte, denn er zog sie einfach mit sich aus der Wohnung. Diese verschwamm und um die beiden materialisierte sich etwas Neues, Fremdes. Erstaunt blickte sie sich um und ließ sich dann einfach durch die Straßen der dunklen Stadt treiben. Obschon es keinerlei Licht zu geben schien, nahm Lenya doch alles wahr und konnte jedes Detail erfassen. Die Überflutung durch ihre verschärften Sinne, bescherte ihr eine Welle aus Übelkeit und sie hörte Maricus, der ihr spöttisch riet, es langsam angehen zu lassen. Sie beherzigte seinen Rat nachdem sie ihren Mageninhalt auf seine Schuhe ergossen hatte. Es war wirklich besser, wenn sie die Sinne Stück für Stück hochfuhr.
Maricus beobachtete seine Schülerin und... Partnerin. Vorausgesetzt, Lenya akzeptierte seine Wahl. Er lächelte, soviel das sie noch lernen musste. Soviel, das sich für ihn ändern würde, wenn sie blieb. Und...
Er stockte, irgendetwas stimmte nicht. Er fühlte Lenyas Präsenz nicht mehr. Lediglich das Gefühl eines ihrer Lächeln hing noch in der Luft, beinahe wehmütig, wie bei einem Abschied.
"Lenya?!?", rief er laut. Sämtliche Wesen erstarrten und wagten sich nicht zu rühren.
"LENYA?!?", noch mal hallte sein Ruf durch die lichte Nacht seiner Welt. Aber sie war und blieb verschwunden. "LENYA!!!!!"
Maricus stand ungläubig an der Stelle, an welcher er mit ihr seine Welt betreten hatte. Sie war fort und sie war für immer gegangen. Aber wie konnte das sein? Ihr Lebenswille war so unbändig gewesen, dass er ihr dieses Geschenk nicht hatte verwehren können und nun? Hätte er noch Tränen gehabt, dann wäre sein Gesicht feucht von ihnen gewesen. So starrte er nur ungläubig an die Stelle, an der sie zuletzt gewesen sein musste, während er langsam zu Boden sank. Das konnte nicht sein, er konnte sich nicht so getäuscht haben. Das war unmöglich. Absolut unmöglich.
~*~
Benommen kehrte er in ihre Wohnung zurück. Und sah sich dort um, alles roch noch nach ihr und selbst ihr Wesen war noch zu spüren. Ein wehmütiger, sehnsüchtiger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Das war nicht fair. Wieso?
In all der Zeit hatte er nie etwas gefordert und nun das. Maricus wollte nicht verstehen, wollte nichts mehr wahrnehmen. Er vergrub sich in seinen Erinnerungen.
~*~
"Maricus.", eine sanfte weibliche Stimme, neckend, ein wenig zu frech und selbstsicher, riss ihn aus seinen Gedanken. Aber sie war nur eine Erinnerung. Eben jene Erinnerung zog ihn an sich und zwang sein Gesicht auf Augenhöhe mit ihrem eigenen.
"Maricus.", sanft und streng, unnachgiebig und doch voller Trost. Nur langsam begriff er, dass sie wirklich vor ihm stand.
"Aber...", setzte er an.
"Hör auf zu denken, du grübelst viel zu viel...", ihr Spott war nicht zu überhören, aber es lag keinerlei Häme darin und es rang ihm ein mildes Lächeln ab. Sie lachte leise und schloss ihn in eine innige Umarmung, welche er erwiderte.
"Die Zukunft kann kommen, nicht wahr?"
"Ja, das kann sie."
11.04.2007
© Sean Dimitjana
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